Montag, 28. Januar 2013

Lessing - Miß Sara Sampson (1755)

1755 erschien das einflussreichste bürgerliche Trauerspiel in deutscher Sprache aus der Feder des aufklärerischen Schriftstellers Gotthold Ephraim Lessing: eine Recherche des Mitleids? 

1. Der Inhalt - ein wenig auf den Kern der Handlung zusammengekürzt

Worum geht es in dem Stück? Es handelt sich um eine Tragödie klassischen Aufbaus. Mellefont, ein Adeliger mit verworrener Liebesvergangenheit setzte sich mit seiner neuen Flamme, Miß Sara Sampson, ab in einem Wirtshaus. Die beiden sind nämlich auf der Flucht: Sara dabei insbesondere vor ihrem Vater, da die Flucht aus dem Elternhause zeitgenössisch das schwerste Vergehen ist, das eine Tochter begehen kann. Mellefont, weil auch er die Wut des Vaters, aber auch der Gesetzeslage fürchten muss. Sogesehen sind beide auf dem Weg der Flucht ins Ausland (Das Stück spielt, wie man an den Namen erkennen kann, in England. Das Fluchtziel des Paares ist Frankreich). 
In dieses Wirtshaus treffen nun die alte Geliebte Mellefonts, Marwood, ein und außerdem der Vater Saras mit seinem Bedienten Waitswell. Die Motive dieser beiden Figuren könnten unterschiedlicher nicht sein.
Sir William Sampson ist allein mit dem Ziel und dem Wunsch der Versöhnung mit der verlorenen Tochter in dem Wirtshaus eingetroffen. Er ist bereit Sara zu verzeihen und Mellefont als neuen Schwiegersohn zu akzeptieren.
Marwood dagegen möchte Mellefont zurück. Als ihr klar wird, dass sie dies nicht schaffen wird, weil dessen Liebe zu Sara aufrichtig und gleichzeitig beständig aufgeflammt zu sein scheint, entpuppt sie sich zur eiskalten Rächerin, die vor nichts zurückschreckt, um das junge Glück, das sie Mellefont nicht vergönnt, zu torpedieren. Nachdem sie mit den konventionellen verbalen Methoden, also Zweifel schüren, Nachbohren, Zwietracht säen mittels der Hilfe verfänglicher Vergangenheits- Gegenwarts- und Zukunftsfragen, scheitert, schreckt sie auch vor Mord nicht zurück und vergiftet Sara. 
Im Hinscheiden kommt es zur absoluten Versöhnung zwischen William, Sara und Mellefont. Mellefont aber sieht seine Teilschuld an Saras Tod unverzeihlich und tötet sich selbst. 

2. Interpretation / Anmerkungen

Was fällt auf beim ersten Lesen? Es ist eine Weile her, dass ich Sturm- und Drang-Dramen gelesen habe und eine derartige Emotionalität, wie sie in Sara Sampson vorliegt, habe ich den Aufklärern ehrlich gesagt nicht zugetraut. Mit andern Worten: Ähnlich wie im Sturm und Drang und auch in der Romantik noch, liegt auch in diesem Stück eine ausgesprochen und aus heutiger Sicht vielleicht übertrieben wirkende Emotionalität vor, die aber anders gepolt ist, als die Emotionalität des jungen Schillers oder Goethes oder eines romantischen Eichendorffs. Deswegen nennt man diese Phase der frühen Aufklärung in der Literatur auch die Epoche der Empfindsamkeit.
Alle Äußerungen der Figuren scheinen einem für mich werktypischen Raster zu folgen. Es geht um die absolute Aussprache jeder noch so kleinen Seelenregung der Figuren auf der Bühne: Zweifel, Ängste, Schuldgefühle, Freude, Hass und Wut - jede noch so kleine Regung der Emotionen, so scheint das unausgesprochene Diktum der Figuren, an dem sie sich und auch das ganze Stück sich entlanghangelt, zu sein, muss den andern Figuren in aller Offenheit präsentiert werden. Das Stück kehrt das Innerste der Figuren nach Außen. Auch dem Autor des Kindler-Artikels zu dem Werk, Gunter Grimm, scheint es ähnlich ergangen zu sein, wenn er dort festhält: 
"Die gefühlvolle Prosa des Stücks spiegelt den psychischen Haushalt, der von reinen Gefühlsaussagen bis zu geradezu sophistischer Gefühlsdialektik reicht [wieder]." 
Dies mag wiederum an der Funktion des Dramas liegen, die der katarsis-Theorie Aristoteles folgt. Zum einen sollen die Zuschauer von allerlei Affekten gereinigt werden, indem sie anhand der Identifikationsfiguren auf der Bühne fiktiv und doch ergreifend miterleben können,  was den Menschen auf der Bühne Fürchterliches passiert. (vgl. Lessings Theorie der "zwei Saiten" in einem Brief an Mendelssohn bzw. die neurophysiologischen Erkenntnisse der sogenannten Spiegelneuronen). 
Zum andern zielt das Stück auf Befriedung, Toleranz und Mitleid. An dieser Stelle ist zu vermerken, dass Lessing dem literarischen Diskurs um die Gattung Drama eine entscheidende Wende brachte. Die zentralen Begriffe mit Hinsicht auf die WIRKUNG einer Dramenaufführung galten nach Aristoteles und Gottsched als elois und phobos oder Bewunderung. Lessing behielt diese Komponenten in seinen Dramen zwar noch bei, aber er nahm eine Neugewichtung vor und machte das Mitleid zur zentralen Kategorie der Wirkung des Dramas. Denn gerade "der mitleidigste Mensch ist der beste Mensch", so schrieb Lessing 1757 an Friedrich Nicolai, "zu allen gesellschaftlichen Taten, zu allen Arten der Großmuth der aufgelegteste." Hier spiegelt sich - und es ärgert mich, dass ich das in meinem Staatsexamen nicht hingeschrieben habe, obwohl es im Kopf dagewesen war, die Mitleids-Theorie Jean Jaques Rousseaus wider. Nach der "kühlen" Rationalität des Barocks (man denke nur an die Gartenbaukunst) führte seine Philosophie den Menschen "zurück zur Natur", und natürlich, so wäre es, mitleidig zu sein. Von daher sei das Wesen des Menschen gut und in seiner Philosophie lässt sich ein ordentliches Stück des grundliegenden Fortschrittoptimismus' der Aufklärung widerfinden. Außerdem wird Lessings Miß Sara Sampson zu einem Bestseller der literarischen Strömung, die sich "Empfindsamkeit" nennt (neben Lessing sind hier noch Gellert, Kloppstock und in Spätformen dann Goethes Werther und Schillers Kabale und Liebe zu nennen).

Mit Bezug auf Miß Sara Sampson bedeutet das in etwa Folgendes: Der Rezipient soll die Freude der Versöhnung und die damit verbundene Seelengröße des vergebenden Vaters Williams ebenso miterleben können, als auch dessen Verlustschmerz um die sterbende Tochter. Ersteres diene zur vorbildhaften Bewunderung, Letzteres zur Abschreckung, da der Rezipient die Leiden hervorrufenden Konsequenzen niederträchtiger gewaltvoller Handlungen vor Augen geführt bekommt.
Beiderlei Absichten sollen Lessings Dramaturgie zufolge aber durch das Mitgefühl, die Einfühlung bewirkt werden, da das Mitgefühl die Menschen pragmalinguistisch betrachtet für eine Erziehung und aufklärerisch wirkende Literatur- oder Literaturbetrachtung öffne. 
Festzuhalten ist diesbezüglich jedenfalls auch noch, dass eine typisches Merkmal der aufklärerischen Literatur zum einen die Lust am Erklären  von Handlungsmotiven ist - selbst von Bösewichten - und zum andern damit verbunden auch eine streng logische, präpsychologische Kausalitätenrecherche darstellt. 


Erpressung und angedeuteter Kindsmord: Die Marwood - Medea mit Tochter Arabella bei einer Inszenierung in Luzern
3. Zitate

"Die Wespe, die den Stachel verloren hat, kann doch nichts weiter als summen" (Mellefont zu Norton, IV, 3) 

Weitgefehlt, lieber Mellefont, wenn sie ihr Gift auch ohne Stachel einzusetzen weiß...Mit andern Worten: Hier ist einer der typischen Momente des Dramas nach aristotelischer Auffassung: Es findet eine hamartia statt: Der Held, oder eine der Hauptfiguren, begeht einen folgenschweren Fehler, der in der Tragödie zum tödlichen Ausgang für mindestens eine der beteiligten Figuren, zur katastrophe, führt. Mellefont überschätzt sich und unterschätzt die Marwood. Wie in anderen Stücken leidet der Charakter hier an hybris. Denn: „Der Dolch war für andere, das Gift ist für mich“

4. Form: 

  • Prosa
  • Einheit der Handlung: Schicksal des jungen Paars Sara / Mellefont
  • Einheit des Ortes: Nein: zwei Wirtshäuser
  • Einheit der Zeit: in etwa ein Tag
  • Ständeklausel? Niederer Adel ( = bürgerlich: SIR William Sampson, MISS Sara Sampson), aber keine Kaiser, Könige oder ähnliches: ermöglicht Identifikation des höfischen Publikums mit dem Geschehen auf der Bühne. 
  • Fortschritt gegenüber heroischem Trauerspiel: Die Konflikte spielen nicht auf hoher Staatsebene und sie sind auch nicht mehr schicksalsbedingt: Die Konflikte spielen im familiären Intimbereich und die Katastrophe ist durch Mellefonts "ehemalige Ausschweifungen" selbst herbeigeführt, nicht durch ein übermächtiges Schicksal.
  • Motivverflechtungen: 

  1. Umkehr und Variation des Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lukas-Evangeliun) - absoluter Bruch mit normativer Rollenerwartung zu einer Vaterfigur in vorliegender Situation.
  2. Ein Beitrag zum retardierenden Moment: Vom Saulus zum Paulus: Mellefonts Charakterwandel und Gesinnungsprobe bis in den Tod
  3. Bezug auf griechisches Altertum: Marwood stilisiert sich selbst als "neue Medea" (II,7)


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